Pollenwabe mit orangenem und gelben Pollen
|

02-26 Durchlenzung & Frühlingserwachen

Die Ladies beginnen ihr Brutgeschäft und der alljährliche Futter-Krimi beginnt

Das Bienenjahr nimmt langsam wieder Fahrt auf. Wir Imkernde schauen ja weniger auf den Kalender, sondern auf die Natur – genauer gesagt auf die phänologischen Zeigerpflanzen. Wenn bei uns in der Region Dortmund die Haselkätzchen stäuben, die ersten Schneeglöckchen in den Schrebergärten weiß leuchten und die Krokusse ihre Köpfe rausstrecken, dann wissen wir: Der Vorfrühling ist da und am ersten schönen Tag – sonnig, warm über 12°C und windstill – steht bei mir die erste Kontrolle bei den Ladies an. 

Die Salweide, im Volksmund auch Weidenkätzchen genannt, ist für uns Imkernde die erste wichtige Zeigerpflanze. Sie spendet zuverlässig Pollen, die für die Aufnahme des Brutgeschäfts wichtig sind. Daraus folgt, dass die Damen nun zunehmend mehr Platz benötigen, da das Brutnest nun kontinuierlich wächst.

Was liegt an? Recap und aktuelle Situation am Bienenstand

Nach dem winterlichen Check-up (siehe Blogartikel: Neujahrscheckup), der sich bekanntermaßen überwiegend nur auf das Beobachten von außen beschränkt, steht nun die erste Durchsicht an. Denn machen wir uns nichts vor: Diese ersten warmen und sonnigen Vorfrühlingstage gehören den Ladies. Und für uns Bienenhaltende ist es vorher kaum auszuhalten, die Finger stillzuhalten. Auch wenn es für Außenstehende völlig verrückt klingt: Man sehnt sich förmlich nach dem ersten Stich – man muss ja schließlich an seiner Immunisierung arbeiten, oder? 😉

Die erste Kontrolle: Was gilt es bei der Durchlenzung im Blick zu haben? 

Die erste Öffnung der Beuten hat einen klaren, pragmatischen Fokus: Wir checken den Futterstand, werfen einen Blick auf die Volksentwicklung sowie den Charakter des Biens und schließlich nehmen wir unsere Proben. Genauer gesagt nehmen wir eine Futterkranzprobe, die auf Sporen der Amerikanischen Faulbrut (AFB) untersucht wird. Das ist eine fiese Bienenseuche, die daherkommt wie Corona – nur für unsere Bienenvölker noch viel schlimmer. Sie ist neben der Varroa-Milbe der wohl ärgste Feind am Bienenstand.

Durchlenzung & Frühlingserwachen am Bienenstand: 
Smoker und Bienenwabe

Exkurs: emotionale Belastung in der Betreuung eines Superorganismus`

Wenn dieser Check dann ansteht, dann steigt auch die Aufregung. Denn Bienenhaltung hat auch eine sehr emotionale Komponente. Selbst wenn man im Vorfeld alles richtig gemacht hat, muss man nach dem Winter leider mit einer sogenannten Ausfallquote von etwa 10% rechnen. Im Schnitt liegen wir in Deutschland drüber. Sehr gute Imker*innen schaffen es unter die 5%.
Die 0%-Marke ist leider utopisch – denn so ist die Natur. 
(Und zur industriellen Bienenhaltung, etwa in den USA… schaut dazu gerne den Film „More than Honey“. Der folgende Link führt Euch zum entsprechenden Beitrag auf IMDB)

Das ist eine Lehre, die wir Bienenhaltenden auch sehr gut für den Alltag mitnehmen und weitergeben können: Wir können die Natur nicht zur Gänze kontrollieren, wir können nur unser Bestes geben. Und der Tod gehört zum Leben dazu – auch wenn es weh tut und schwerfällt, wenn man im Vorfrühling vor einem toten Volk oder einer leeren Beute steht. Im Tod erkennen wir den Wert des Lebens.
Genau das zeigt uns der Superorganismus Bien jetzt: Er erneuert sich im Vorfrühling nahezu vollständig.

Der Superorganismus und die Summe seiner Teile

Die zähen Winterbienen, die eine Lebensdauer von bis zu 6 Monaten haben, übergeben nun buchstäblich den Staffelstab an die kurzlebigeren Sommerbienen (mit einer Lebensdauer von in etwa 6 Wochen).

Auch die Männer-WG wird neu geplant: Drohnen sind im Winter bekanntlich überflüssig und werden daher bei der sogenannten Drohnenschlacht im Spätsommer vor die Tür gesetzt (bis auf eine kleine Notreserve). Da die Drohnen aber nur einen einzigen Job haben – nämlich die Befruchtung von Prinzessinnen (Jungköniginnen auf Ihrem Hochzeitsflug) – und insgesamt vom Ei bis zur Geschlechtsreife 40 Tage brauchen, finden wir bereits Anfang März die ersten neu angelegten Drohnenzellen in den Völkern. Der Kreislauf beginnt also von Neuem – und wir sind mittendrin.

Die Einzige, die im Haus bleibt, ist die Königin. Sie bleibt bis zu 5 Jahre die „Chefin“. Aber auch sie sorgt vor: Von Mitte April bis Anfang Juli dauert die Schwarmzeit. Währenddessen wartet die Königin auf den richtigen Moment (in späteren Beiträgen mehr dazu) und sichert durch die Teilung des Volkes, das sogenannte Schwärmen, die Vermehrung des gesamten Superorganismus. Wenn also das Volk stark genug und mit ausreichend Vorräten versorgt ist, bestiftet die Königin vorhandene Weiselzellen. Wenn diese nach 9 Tagen verdeckelt werden, zieht sie mit der Hälfte des Volkes aus und wird im alten Bien durch eine ihrer Töchter, die nach 8 Tagen aus den Weiselzellen schlüpfen, ersetzt. Aus dem Ende entsteht also direkt wieder ein Neuanfang.

Die Durchlenzung im Konkreten

Auf geht´s also am ersten schönen Tag in der zweiten Hälfte des Februars an den Bienenstand, während alle anderen Fahrradfahren, wandern und es sich bei Kaffee und Kuchen oder gar einem Eis gut gehen lassen. Ich hingegen will wissen, wie es um die Ladies bestellt ist und wie sie bis jetzt durch den Winter gekommen sind – der ja noch bis 20./21. März andauert. 

bereitgestellte Ausrüstung: Stockmeissel, Smoker sowie Anzündmaterial und Küchenbrenner.

Dann geht es los: Smoker anzünden, Stockmeißel und andere Werkzeuge bereitlegen und dann: Dieser Moment, in dem der eigene Puls leicht steigt, weil man nach den langen Wintermonaten endlich wieder einen Blick unter den Deckel werfen darf. In diesem Fall und zu diesem Zeitpunkt gerne mit Schleier, da man nie weiß, wie die Ladies drauf sind. Sind sie knapp an Futter, dann Holla die Waldfee.

Der erste Blick gilt dem Flugloch – unübersehbar: Das rege Treiben am Flugloch und der Eintrag von Pollen in seinen vorfrühlingshaften Farben durch Sammlerinnen deutet bereits darauf hin, was die Brutwaben dann bestätigen: Die Ladies erahnen den Frühling nicht nur, sie haben ihn bereits voll verplant.

Bienen Mit Pollenhöschen im Anflug auf das Flugloch der Bienenbeute
Sicht auf den Bodenschieber. anhand des sogenannten Gemülls kann der Bienensitz anhand der Wachsfarbe bestimmt werden.

Der zweite Blick gilt – sofern eingelegt – der sogenannten Windel (Bodeneinlage). Sie ist quasi ein Spiegel des Innenlebens im Bien. Hier erkennt man wunderbar den genauen Bienensitz, also wo in der Beute gerade gebrütet wird (dunkle Wachsreste von den Brutzellen), sowie das weitere Geschäft im Bienenstock, etwa Futtervorräte anzapfen. Entsiegelte Wachsdeckel vom Futter (Hellgelbes Wachs), erste Pollenreste und sonstiger Gemüll verraten uns schon eine Menge, bevor wir überhaupt die erste Wabe ziehen.

Durchlenzung konkret: Der Blick ins Volk

Puls hoch, Deckel hoch: Wir entnehmen vorsichtig eine Randwabe und arbeiten uns langsam Wabe für Wabe bis zum Brutnest vor. Bevor man dort ankommt, stößt man in der Regel auf eine Pollenwabe. Diese ist immer nah an der Brut, denn den Pollen brauchen sie zur Brutpflege. Da die Ladies effizient arbeiten, nutzen sie kurze Wege.

Die Pollenfarben des Frühlings leuchten aus den Zellen entgegen. Überwiegend Gelb und Orange. Es ist immer wieder faszinierend, wie mithilfe von etwas gesammeltem Blütenstaub, der auf kaum einer Waage gewogen werden kann, und ein bisschen eingelagertem Nektar bzw. Honig oder Futtersirup ein Superorganismus existieren kann. Wahre Maloche eben und ein Wunder der Natur – man könnte sogar sagen: ein essentieller Teil der Natur. Denn wo wären wir ohne die blütenstete Bestäubungsleistung der Honigbienen?

mit Pollen gefüllte Zellen. überwiegend gelb und organge

Weitergehende Infos über Pollen, deren Identifikation und anderes mehr, findet Ihr bei auf der Website „Die Honigmacher“ (LINK). 

Und dann der ersehnte Anblick: Bienen auf Brutwaben im warmen Licht des Vorfrühlings. Da geht einem einfach das Herz auf. Auf den Brutwaben offenbart sich dann das neue Leben. Idealerweise findet sich Brut in allen Stadien: Von den stiftförmigen Eiern über junge, kleine Maden bis hin zu den dicken, fetten Larven und verdeckelter Brut – alles sollte da sein – und ist es auch. 🙂

Brutwabe in der Durchlenzung: "Stifte", Maden und verdeckelter Brut.

Der Generationswechsel läuft.

Diese erste, zarte Explosion an neuem Leben bringt uns – jedes Jahr aufs Neue – an einen kritischen Punkt, denn: Wer viel brütet, muss viel heizen (auf 35 Grad!) und wer heizt, verbrennt Energie. Der Futterverbrauch steigt jetzt rapide an.

Die Durchlenzung: Strukturierte Futterkontrolle für Bienenhaltende

Der Übergang vom Winter zum Frühling ist die gefährlichste Zeit für ein Bienenvolk. Die meisten Völker erfrieren nicht im Winter, sie verhungern im Frühjahr. Um das zu verhindern, wechseln wir jetzt vom Beobachter- in den Management-Modus.

Hier mein persönlicher, SMARTer Aktionsplan für die Durchsicht:

  1. Spezifisch anheben:
    Hebt die Beuten (Zargen) hinten leicht an (die sogenannte Zugprobe). Das Gewicht verrät euch mehr als jeder Blick in die Kiste. Man entwickelt sehr schnell (nach drei bis vier Jahren) ein gutes Gefühl für das Gewicht einer Beute ;). Mit Hilfe einer Zugwaage kann auch an dieser Stelle mit “harten Zahlen” arbeiten.
    Die leichteste Beute wird dann durchkontrolliert, um unser Gefühl mit Fakten zu untermauern. Von der leichtesten Beute kann ich dann die Gewichte der anderen besser einschätzen.
  2. Messbar machen (Die Achtelmethode):
    Ein Wirtschaftsvolk sollte Anfang März gute vier Kilogramm Futter als Reserve haben – weiß man ja nie, welches Wetter kommen mag.
    Tipp zum Schätzen: Nutzt die Achtelmethode!
    Teilt die Wabe gedanklich in acht gleich große Kästchen. Ein verdeckeltes Futterachtel auf einer Zanderwabe entspricht 125 Gramm Honig bzw. Futter. Weiter befinden sich in einem  Achtel etwa 400 Wabenzellen. Folglich lässt sich mit dieser Methode auch prima die Volksstärke und die Brutfläche einschätzen. Ein guter Richtwert an den ersten Durchlenzungstagen Ende Februar sind etwa 30/8 Futter sowie 6 bis 8/8 Brut.
    Aber denkt dran: Das sind nur Richtwerte. Genau ergibt sich das immer individuell aus dem Verlauf der Natur und des Wetters. So könnt ihr rasch und strukturiert überschlagen, was in der Kiste los ist.
  3. Aktives Eingreifen (nur bei Not!):
    Droht ein Futterabriss, müsst ihr eine futtervolle Wabe aus der Peripherie direkt an den Rand des Brutnestes hängen. Die Bienen verlassen bei plötzlichen Kälteeinbrüchen das Brutnest nicht, um Futter am anderen Ende der Beute zu holen. Eine leere Wabe zwischen Brutnest und Futter reicht, um dem Tod ins Auge zu blicken. 
  4. Reizfütterung vermeiden:
    Füttert jetzt keinen flüssigen Zuckerwasser-Sirup – wenn es sich vermeiden lässt. Das täuscht eine Massentracht vor, reizt den Bautrieb zur Unzeit und überlastet den Wasserhaushalt der Winterbienen. Wenn Notfütterung, dann mit Futterteig direkt über der Traube (siehe Bild).
  5. Temperatur im Blick behalten: Waben nur ziehen, wenn es mindestens 12 bis 14 Grad Celsius hat und windstill ist. Brutverkühlung wirft das Volk um Wochen zurück.

Notfütterung mit Futterteig – einfach mit Hohlraumdeckel

Durchlenzung im Detail: Erweiterung, Fluglöcher, Mäusegitter und der Charaktercheck

Neben dem Futter gibt es noch ein paar Dinge, die wir bei der ersten Durchsicht abhaken:

  • Erweiterung:
    Mit der Salweidenblüte kommt, je nach Betriebsweise & Methode, der zweite Brutraum auf die Völker, damit ausreichend Platz für die normale Volksentwicklung vorhanden ist.
  • Fluglöcher voll auf:
    Wer es zum Jahreswechsel und der Restentmilbung vergessen haben sollte – Wirtschaftsvölker haben offene Fluglöcher! Die Ladies brauchen jetzt Platz für den Pollen-Verkehr und die Belüftung.
  • Mäusegitter bleiben dran:
    Auch wenn das Flugloch offen ist, das Mäusegitter bleibt noch dran! Ich orientiere mich an der alten Reifen-Regel: Von O bis O (Oktober bis Ostern). Die Nächte sind noch kalt und so manche Spitzmaus sucht noch ein warmes, süßes Plätzchen.
  • Königinnen-Check (Brutbild):
    Achtet auf das Brutbild! Seht ihr nur stark gewölbte Buckelzellen? Dann ist das Volk leider drohnenbrütig (die Königin ist unbegattet oder tot). Auch eine stille Umweiselung im späten Herbst kann jetzt auffallen. Dafür hilft auch das Markieren der Königin (Zeichnen): So seht ihr sofort, ob noch eure gezeichnete Chefin regiert oder ob die Ladies heimlich neu gewählt haben.Das Brutnest sollte zudem eine geschlossene Fläche bilden und kaum leere Zellen aufweisen.
  • Charakter-Check (Wehrhafte Sanftmut):
    Auch bei der ersten Durchsicht beginnt bereits die Beurteilung der Völker nach meinen ganz individuellen Kriterien. Bei mir sind das vor allem Sanftmut, Wabensitz und Wehrhaftigkeit (insbesondere gegenüber der Varroa-Milbe). Daraus formt sich mein persönliches Zuchtziel: die wehrhafte Sanftmut. Wie verhalten sich die Ladies, wenn der Deckel aufgeht? Bleiben sie ruhig auf den Waben sitzen oder fliegen sie direkt auf? Zeigen sie Ausräumverhalten bei kranker Brut? Wie hoch ist die Varroabelastung im Jahresverlauf? All das beginne ich jetzt schon auf der Stockkarte zu notieren.
  • Gesundheits-Check:
    Achtet auf Kotflecken auf den Rähmchen oder außen an der Beute. Dies könnte auf Darmkrankheiten wie Nosema oder Ruhr hindeuten. Ein vitales Volk hat saubere Waben und Beutenwände. Über den Winter können die Randwaben auch von Schimmel befallen werden. Die Bienen würden es im weiteren Verlauf sauber machen, doch wenn es die Möglichkeit für Euch gibt, tauscht die Waben aus.

Ihr seht, liebe Imkernde, jetzt ist Aufmerksamkeit gefragt. Genießt die Flugtage, freut euch an den dicken Pollenhöschen eurer Ladies, aber behaltet das Gewicht der Beuten im Auge – noch ist Winter

Und wer mag, lässt den Futterkranz im Labor checken, damit wir uns von der Gesundheit unserer Ladies überzeugen können. In NRW könnt ihr zudem an einem kostenfreien Faulbrutmonitoring teilnehmen. Als Bienensachverständiger (BSV) unterstütze ich Euch dabei sehr gerne.

Bleibt entspannt und eine erfolgreiche Durchlenzung!

Euer CaminoImker im März 2026

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert