Wabengasse Futterwaben
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Neujahrs-Checkup bei den Stadtbienen

Auf dem Dach des Westfalencenters mit Blick auf die Dortmunder Skyline

Wir schreiben den Januar im Jahre 2026. Der Himmel über Dortmund zeigt sein typisches Wintergrau; die Luft ist mild. Es sind 9 Grad, trocken, windstill. Heute fahre ich zu meinem neuen Bienenprojekt als Unternehmensimker für die Stadtbienen (externer Link zur Website Stadtbienen.org). Denn: Seit Mitte letzten Jahres stehen auf dem Dach des Westfalencenters zwei Bienenboxen, die von mir betreut werden.

Während unten der Verkehr der B1 rauscht, haben die Ladies hier oben eine wichtige Mission: Sie sollen die ansässigen Firmenmitarbeitenden, Mietenden und Studierenden der International University für Regionalität, Nachhaltigkeit und ökologische Zusammenhänge begeistern. Geplant sind Workshops und Besuche am Bienenstand. Damit dieses Vorhaben gelingt, gilt es, nach dem “Schneesturm Elli”, der uns Dortmunder mehr oder weniger verschont hat, einmal den Stand zu checken.  Es ist also Zeit für den ersten vorsichtigen Checkup des Jahres.

(Jaja, ich weiß, im Winter lässt man die Finger von den Beuten. Aber wir Imkernde sind ja auch nur Menschen und die Neugier plagt uns – also: Nur gucken, nicht anfassen (oder zumindest nur ganz kurz).

Kontrolle im Winter – Indikatoren, die von Außen sichtbar sind

1. Der Blick von außen: Die Skyline-Wächterinnen

Da stehen sie, die Beuten, stoisch vor der Kulisse des Florianturms und mit bestem Blick auf die Dortmunder Skyline.

Von außen wirkt alles ruhig. Zu ruhig? Das ist die ewige Sorge des Imkers im Winter: Ist noch Leben in der Beute? Habe ich ordentlich eingewintert (Checkliste folgt) und war bzw. bin ich mit meiner Betriebsweise erfolgreich? Die finale Quittung wird es erst mit der Durchlenzung im März geben. Doch lässt sich jetzt bereits eine erste Einschätzung vornehmen. Erste Indikatoren und Prüfschritte können unternommen werden, ohne dass die Beute geöffnet werden muss.

1 skyline westfalencenter

Exkurs: Checkliste für die Standbegehung im Winter (Tipps für Jungimkernde)

Bevor wir überhaupt irgendetwas anfassen oder öffnen, scannen wir die Lage. Was verrät uns der bloße Blick auf die Kiste im Winter?

Sitzt der Deckel noch fest und stehen die Beuten noch sicher? Steht die Beute bzw. der Beutenständer vielleicht im Wasser?

Check der Beutenwände (besonders bei Styropor, aber auch bei Holz) auf frisch gehackte Löcher. Meister Grimbart hat im Winter Hunger – spätestens wenn Schnee liegt, bieten Bienenbeuten ein schmackhaftes Buffet.

Ist das Mäusegitter noch da, wo es hingehört? Ist das Flugloch frei von Eis und Schnee und Totenfall, damit die Luftzirkulation stimmt?

Sind gelbe Sprenkel auf dem Deckel oder der Frontseite? (Dazu gleich mehr in Punkt 5).

Ohne Störung wie etwa Klopfen kurz das Ohr an eine Zarge respektive die Beute legen. Ein leises, tiefes Brummen ist okay. Totenstille bei Frost auch (Wintertraube). Ein lautes, hektisches Aufbrausen wäre ein Warnsignal. Durch eine gezielte Störung, etwa klopfen, kann eine Reaktion forciert werden.

2. Der Blick unter den Boden

Weiter geht’s mit dem Blick unter den offenen Gitterboden. Was sehen wir da auf den Gehwegplatten? Helle Krümel.

2 blickunterdiebeute wachsreste
Merke: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wo gefuttert wird, fällt Wachs.

Diese Wachsreste sind ein gutes Zeichen! Es bedeutet, dass die Ladies ihre Futtervorräte entdeckeln. Sie fressen. Und wer frisst, der lebt. Wäre hier alles blitzblank sauber oder lägen hier nur tote Bienen ohne Wachsreste, müssten beim geneigten Bienen-I alle Alarmglocken schrillen. Aber so? Alles im grünen Bereich.

3. Der Totenfall: Ein notwendiger Blick

Jetzt wird es kurz etwas “unappetitlich”, aber das gehört dazu. Wir riskieren – sofern möglich – einen Blick durch den Gitterboden von unten. Die Bienenbox der Stadtbienen steht auf einem Ständer und macht es möglich.

Was wir hier sehen, nennen wir Imker „Totenfall“. Das klingt dramatisch, ist aber im Winter ganz normal. Bienen sterben, das ist der Lauf der Natur. Wichtig ist die Menge. Ein Boden, der komplett schwarz vor toten Bienen ist, verheißt nichts Gutes. Aber ein paar Dutzend, die es nicht mehr geschafft haben? Das ist okay.

4. Die Fluglochkontrolle: Das Aufräum-Kommando

Ein weiterer wichtiger Blick gilt dem Flugloch und dem Boden davor. Warum? Weil er uns verrät, ob das Volk noch die Kraft hat, Ordnung zu halten.

  • Am Flugloch: Ein gesundes Volk duldet keine Leichen in der Wohnung. Wenn es die Temperaturen zulassen (wie heute), transportieren die Bienen ihre verstorbenen Schwestern aus dem Stock. Liegen vereinzelt tote Bienen vor der Beute auf dem Boden, ist das paradoxerweise ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass drinnen „aufgeräumt“ wird.
  • Der Vergleich: Bei meinen Balkonbienen zu Hause sieht man das oft noch deutlicher. Wenn aber das Flugloch mit toten Bienen verstopft ist und niemand Anstalten macht, den Eingang freizuräumen, wäre das ein Warnsignal. Hier beim Stadtbienen-Projekt sieht alles ordentlich aus. Der Eingang ist frei, das Hygieneverhalten funktioniert.

5. Der gelbe Punkt: Ein gutes Omen

Schauen wir auf den Blechdeckel. Seht ihr diesen kleinen, gelben Klecks?

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Kot. Welch Freude!

Das, meine lieben Freunde, ist Bienenkot. Oder fachlich korrekt: Ein Indikator für einen stattgefundenen Reinigungsflug. Da es in den letzten Tagen mild war, haben die Damen die Gelegenheit genutzt, um mal kurz vor die Tür zu gehen und sich zu erleichtern. Bienen sind extrem reinliche Tiere – sie halten ihre Wohnung sauber, solange sie können. Dass sie es nun „draußen“ erledigt haben, zeigt: Der Stoffwechsel funktioniert, die Darmblase ist entleert, der Reinigungsflug war erfolgreich.

6. Der Blick durchs Fenster

Diese speziellen Beuten, die sogenannten Bienenboxen, haben einen Luxus, den viele “normale” Beutensysteme nicht haben: Eine Schauklappe.

5 blick durch die sichtklappe bei der Bienenbox von den Stadtbienen

Ein Blick durch die Scheibe verrät sofort: Da ist Bewegung drin! Die Bienen sitzen nicht starr, sondern man erkennt das langsame Pulsieren des Volkes. Kondenswasser an der Scheibe zeigt zudem: Hier wird geatmet, hier wird geheizt.
Eine wirklich gute Funktion bei der Bienenbox von den Stadtbienen.

Der Blick in die Beute

Die Wachsmotte – Fluch oder Segen? (mit kleinem Exkurs)

Beim Anheben des Jutetuchs fiel mir etwas ins Auge, das viele Imkernde erst einmal nervös macht: Die Große Wachsmotte (Galleria mellonella) bzw. ihre Hinterlassenschaften.

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Eine Wachsmotte – Wer findet mehr?

Bevor man jetzt panisch wird, müssen wir das Ganze einordnen. Denn die Wachsmotte ist ein faszinierendes Geschöpf mit zwei Gesichtern.

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Wachsmotten-Kokons

Die Biologie der Motte

Die Motte lebt in einer seltsamen Beziehung zum Bienenvolk. Man unterscheidet hier zwei Zustände:

  1. Kommensalismus (Tischgenossen): In einem starken, gesunden Volk lebt die Motte oft unbemerkt mit. Sie frisst das Gemüll am Boden, alte Pollenreste und sorgt quasi für eine gewisse „Unterbodenpflege“. Die Bienen halten sie in Schach. Wird eine Larve zu frech, fliegt sie raus. Hier ist sie eher ein lästiger Mitbewohner als eine Gefahr.
  2. Parasitismus (Der Schädling): Kippt das Gleichgewicht, wird die Motte zum Problem. Ist das Volk schwach (durch Varroa, Weisellosigkeit oder imkerliche Fehler), explodiert die Mottenpopulation. Die Larven fressen sich durch das Wabenwerk, zerstören die Brut und spinnen alles mit festen Kokons ein.

Der ökologische Nutzen („Der Müllmann“)

In der freien Natur hat die Wachsmotte eine essenzielle Funktion. Stirbt ein Bienenvolk in einer hohlen Baumrinde, bleibt ein kontaminiertes Nest zurück.

  • Die Wachsmotte ist das einzige Tier, das dieses alte Nest komplett recyceln kann.
  • Sie frisst alles auf, vernichtet dabei Krankheitserreger und schafft „Tabula Rasa“.
  • Damit macht sie die Höhle wieder bewohnbar für den nächsten Schwarm.

Fazit für uns Imker: Finden wir Motten in Massen, ist das meist nicht die Ursache für das Völkersterben, sondern das Symptom. Das Volk war vorher schon am Ende. Wenn ich also wie hier mal eine Motte oder Gespinste sehe, bleibe ich ruhig. Solange die Ladies stark sind, regeln die das.

7. Die Wintertraube: Das Herz des Stocks

Genug der Theorie. Da es heute wirklich warm genug ist, hebe ich das Tuch kurz ganz an. Und da ist sie: Die Wintertraube.

Ihr seht hier schön von oben, wie die Bienen in den Wabengassen sitzen. Sie bilden eine Kugel.

Wichtig an dieser Stelle ist zu wissen, dass die Wintertraube kugelförmig aufgebaut ist – dass heißt von oben sieht man nur eine kleine Außenfläche. Zumal ja auch oben in der Regel das Futter eingelagert ist – da halten sich die Bienen nicht auf.
(Futterzellen wirken da wie Wände, die den Wärmehaushalt behindern. Das Rähmchenskelett mit Brutzellen hingegen kann von den Bienen belegt werden, sodass nur eine dünne Wachsschicht am Zellboden zwischen den Bienen liegt.)
Manchmal sieht man von oben auch gar nichts und nach unten in den Beutenboden hängen die Bienen durch.

  • Außen: Dort erholen sich die Bienen, nachdem sie im Inneren gearbeitet haben
  • Innen: Dort sitzen die „Heizerbienen“ und wärmen den Kern der Wintertraube. Sie heizen auf ca. 34°C – 36°C, sobald gebrütet wird.
    In der Brutpause reichen 18-20 °C an Temperatur zum Wohlfühlen,
  • Das Skelett: Die Rähmchen bzw. eigentlich die Wabenstruktur mit ihren Zellen und spezifischen Abständen (externer Link zu Wikipedia –> beespace) dient quasi als Gerüst für diese lebende Kugel.

In der Bienenbox, die im Stadtbienen-Projekt benutzt wird, werden Kuntsch Hoch Rähmchen benutzt. Hier sitzt die Traube mittig, wirkt kompakt und reagiert ruhig auf den Lichteinfall.
Ein perfektes Bild für Januar.

Futterstandsprüfung

Da die ich die Beute geöffnet habe, werfe ich auch einen Blick auf die Futterwaben. Dabei reiße ich nicht die Wintertraube auseinander sondern nähere mich von den äußeren Rähmchen dem Brutnest an.
Sofern möglich kann der Futterstand auch über das Gewicht der Beute geprüft werden, indem die Beute vom Beutenboden leicht angehoben wird. Insbesondere im Vergleich mit einer weiteren Beute kann sehr gut abgeschätzt werden, wie schwer die Beute ist und somit auf den Futterstand rückgeschlossen werden.

Warum?
1. Um zu prüfen, ob meine Dokumentation (Futterstand) aus Oktober bestand hat oder ob zwischendurch etwas passiert ist (Räuberei etwa).
2. Um sicherzustellen, dass die Futterversorgung direkt an das Brutnest, also den Bienensitz anschließt. Ist eine Leerwabe dazwischen, könnte es passieren, dass das Volk verhungert, da die Bienen auf dem Weg zum Futter und zurück „verklammen“.

Fazit: Ein guter Start ins Jahr für die Stadtbienen

Der Checkup beim Stadtbienen-Projekt lässt mich beruhigt schlafen. Futter wird verbraucht (Wachsreste), der Darm ist leer (Kot auf dem Deckel), das Flugloch wird gepflegt und die Traube sitzt gut. Die Ladies leben. Perfekt ist es in der Imkerei nie, aber das hier ist schon verdammt nah dran.

Ich mach den Deckel wieder drauf, sichere ihn (mit den Gehwegplatten, Spanngurten oder durch anderweitige Befestigungen) gegen potentielle Stürme und lasse die Damen wieder ihre Ruhe haben. Bis der Lenz (Frühling) kommt 😉

Was Bienenhaltende im Winter tun können: Habt ihr heute auch Flugwetter? Geht doch mal zu euren Völkern (oder denen im Verein) und macht nur den externen Check: Liegen Wachskrümel unter dem Boden? Seht ihr Kotspuren? Ist das Flugloch frei? Das verrät euch oft mehr als das wilde Aufreißen der Beute. 

Ich wünsche eine gute und gelingende Durchlenzung.

Euer CaminoImker aka Stadtbienen-Imker im Januar 2026.

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